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Geburt einer Weltband: “Music For The Lots” von Depeche Mode wird 35 Jahre alt | Free Press

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Es conflict ein überaus provokanter Titel, doch er stellte die Weichen für eine Weltkarriere: Mit ihrem sechsten Album, veröffentlicht am 28. September 1987, erfanden sich die Briten als multifunktionale Poplegende – auch wenn die Followers in Europa erst einmal sauer waren.

Pop.

Eingefleischte Followers hassen kalkulierte Schritte: Sie wollen ihre Lieblinge möglichst authentisch und möglichst nur für sich. Nun hatten Mitte der 1980er-Jahre nur wenige europäische Bands eine so eingeschworene Anhängerschaft wie Depeche Mode – und kaum etwas hätte kalkulierter sein können als die Veröffentlichung von “Music For The Lots”. Das Album, mit zugänglicheren, vergleichsweise hellen Songs unverhohlen auf den lukrativen amerikanischen Markt zugeschnitten, brach aus damaliger Sicht radikal mit dem finsteren Vorgänger “Black Celebration”, der Depeche Mode im europäischen Musik-Untergrund eine Kultstellung eingebracht hatte.

Entsprechend verschnupft reagierte das Publikum: “Music For The Lots” galt nicht wenigen Depeche-Mode-Fanatikern als Verrat. Da half auch die ironische Doppelbedeutung im Titel wenig: “Lots” bedeutet auch “Messen”, und “Black Celebration” hatte unter nicht wenigen Anhängern als eine Artwork dunkelreligiöses Hochamt gegolten: “Let’s rejoice the very fact / that we have seen the again / of one other black… day!” heißt es im Titelsong: “Lasst uns feiern, dass wir einen weiteren schwarzen Tag hinter uns haben!” Nihilistischer ging es damals abseits von Krawallbands wie den Einstürzenden Neubauten nicht: Depeche Mode waren damals eine Randgruppenband der Verlorenen, Verstoßenen, Verdammten, dabei aber bei aller Experimentierwut und Digitalkühle von einer umfassenden Heimatwärme für eine eben entstandene neue Subkultur. In die Hitparade schafften sie es nur eher versehentlich, weil es vom angesprochenen Menschenschlag eben so viele gab. Und dann kommen die plötzlich mit luftigen Liedchen wie “Strangelove” oder “By no means Let Me Down Once more” daher, als sollte das plötzlich auch Spandau-Ballett-Followers ansprechen? Nein, die alte Zielgruppe verstand den Hinweis im Albennamen schon genauso intestine wie die neue: “Music For The Lots” wollte Massenmusik sein, wollte raus aus den Schwarzlichtrunden der Szenediscos, rein in die Nobelboutique, hin zur schicken Allgemeinakzeptanz. Musik, nicht mehr für mich, sondern für alle anderen!

Das wurde bestraft: In England, wo “Black Celebration” elf Wochen lang in den Prime Ten gestanden hatte und bis Platz vier kletterte, reichte es für “Music For The Lots” gerade mal für vier Wochen und einen Bestplatz 10. Und in Deutschland, dem damals inoffiziellen Depeche-Mode-Heimatland, kletterte die Platte zwar noch wie der Vorgänger auf Platz 2 der Charts, musste sich aber “nur” mit Gold zufrieden geben: “Black Celebration” hatte in sagenhaften 33 Wochen Hitparade immerhin Platin kassiert. Doch der Plan ging auf, denn zum Ausgleich gab es auf der anderen Seite des großen Teiches den gewünschten Lohn: In den USA, wo “Black Celebration” gerade mal an der unteren Etage der relevantn Billboard-Charts gekratzt und mit Ach und Krach Gold eingefahren hatte, ging “Music For The Lots” durch die Decke: Über ein Jahr (!) richtet das Album sich in den dortigen Charts häuslich ein, kletterte bis auf Platz 35 und kassierte souverän Platin. Das machte Depeche Mode vom schrulligen europäischen Phänomen zur Weltband: Als erster Vertreter des ja noch jungen Synthiepop-Genres spielte die Band plötzlich in großen Stadien – da konnte man das Grummeln der europäischen Urfans ganz intestine wegstecken.

Die wiederum bemerkten in der Folgezeit, dass ihre Lieblingsband beileibe nicht den krassen Schwenk vollzogen hatte, für den am “MFTM” auf den ersten Blick hielt: Das Album stößt zwar stilistisch viele neue Türen auf, nimmt aber den ursprünglichen Geist den Frühwerke mit. Ja, die schon genannten Singles sind vergleichsweise poppig. Doch dahinter geht es mit Stücken wie “Little 15” oder “Behind The Wheel” in eine Tiefe, die man auch an “Stripped” oder “Right here Is The Home” schon geliebt hatte. Das Instrumental “Pimpf” (die vermeintlich gesungenen Chöre sind komplett synthetisch!) schlägt gar die Brücke zu experimentell-geräuschigen Kultstücken wie “Blasphemous Rumors”, “Pipeline” oder “Fly On The Windscreen”.

“Music For The Lots” nutzt diese eigenwillige Depeche-Mode-Grundierung, die bis datos aus der Spannung zwischen Soundgenie Alan Wilder und Songschreiber Martin Gore wüste Dunkelfunken geschlagen hatte, nun lediglich in einem musikalischerem, aufgeräumten Rahmen. Dass etliche Stücken nun Gitarren enthalten, sorgte zwar unter Synthiepop-Freaks für prinzipielle Empörung, da diese damals als Insigne des verhassten Rock galten (wie dort übrigens Keyboards oft per se als “Popscheiß” verachtet wurden – Ach ja, die 80er!), doch Martin Gore setzte deren Sounds so geschickt und verfremdet ein, dass es vielen weniger dramatisch eingestellten Hörer überhaupt nicht aufgefallen sein dürfte.

Dazu kam, vor allem in den Movies des neu gewonnenen Regisseurs und Fotografen Anton Corbijn der Band eine frische elegant Ästhetik verlieh, die nur auf den ersten Syle-Blick glatt erschien: Harsche Schwarzweiß-Einstellungen und teil unscharf aufgenommene Protagonisten ziehen viel von der hintersinnkeit Abgründig , die es bei Depeche Mode immer gegeben hatte, in die neue Kommerzwelt, wobei sich die Band allerdings von zahlreichen Klischees frei macht. Dazwischen gab es außerdem viele provokante Anspielungen zu entdecken – etwa, wenn im Clip zu “Little 15” ein geifernder alter Pfarrer sich die Lippen nach einem jungen Mädchen leckt oder die Band im Video zu “Pimpf” mit bloßen Händen aufs eigene Bretterbuden-Museum einschlägt , bis es in sich zusammenfällt und nur Leere enthüllt.

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